über berlin.
Es muß einmal ernst werden. Ich war viel allein, aber ich habe nie allein gelebt. Wenn ich mit jemandem war, war ich oft froh, aber zugleich hielt ich alles für Zufall. Diese Leute waren meine Eltern, aber es hätten auch andere sein können. Warum war der mit dem braunen Augen mein Bruder und nicht der mit dem grünen Augen vom Bahnsteig gegenüber? Die Tochter des Taxifahrers war meine Freundin, aber ebensogut hätte ich doch den Arm um den Kopf eines Pferdes legen können. Ich war mit einem Mann, war verliebt und hätte ebensogut ihn stehen lassen und mit dem Fremden, der uns auf der Straße entgegen kam, weitergehen können. Schau mich an, oder nicht! Gib mir die Hand oder nicht! Nein, gib mir nicht die Hand und schau weg von mir! Ich glaube heute ist Neumond, keine ruhigere Nacht, kein Blut wird fließen in der ganzen Stadt. Ich habe nie mit jemandem gespielt, und trotzdem habe ich nie die Augen geöffnet und gedacht “Jetzt ist es ernst; endlich wird es ernst.” So bin ich älter geworden. War ich allein so unernst? Ist die Zeit so unernst? Einsam war ich nie, weder allein noch mit jemandem andern, aber ich wäre gern endlich einsam gewessen. Einsamkeit heißt “ja, ich bin endlich ganz.” Jetzt kann ich das sagen, denn ich bin heute Nacht endlich einsam. Mit dem Zufall muß es nun aufhören. Neumond der Entscheidung. Ich weiß nicht, ob es eine Bestimmung gibt, aber es gibt eine Entscheidung. Entscheide dich! Wir sind jetzt die Zeit. Nicht nur die ganze Stadt, die ganze Welt nimmt gerade Teil an unserer Entscheidung. Wir zwei sind jetzt mehr als nur zwei, wir verkörpern etwas. Wir sitzen auf dem Platz des Volkes und der ganze Platz ist voll von Leuten, die sich dasselbe wünschen wie wir. Wir bestimmen das Spiel für alle. Ich bin bereit. Nun bist du dran. Du hast das Spiel in der Hand. Jetzt oder nie. Du brauchst mich. Du wirst mich brauchen. Es gibt keine größere Geschichte als die von uns beiden. Es wird eine Geschichte von Riesen sein, unsichtbaren, übertragbaren. Eine Geschichte neuer Stammälteren. Schau! meine Augen! Die sind das Bild der Notwendigkeit, der Zukunft aller auf dem Platz. Letzte Nacht träumte ich von einem Unbekannten, meinem Mann. Nur mit ihm könnte ich einsam sein, offen werden für ihn, ganz offen, ganz für ihn, ihn ganz als Ganzen in mich einlassen, ihn umschließen mit dem Labyrinth der gemeinsamen Seeligkeit. Ich weiß, du bist es.

